Kommunikation als Waffe - eine kleine Geschichte russischer Desinformationskampagnen

Putin Fake News

von Matthias Goedeking

Spätestens seit den Präsidentschaftswahlen in den USA 2016 stehen russische Kommunikationsmaßnahmen im öffentlichen Fokus. Die Vorwürfe, Russland habe mit Cyberattacken, Leaks gehackter Daten und der Verbreitung von Falschinformationen indirekt auf die Wahlen eingewirkt beschäftigten nicht nur die Presse, sondern bis heute mehrere Untersuchungsausschüsse der amerikanischen Regierung. In diesen Tagen stehen derartige Maßnahmen nach dem Anschlag auf den früheren russischen Doppelspion Sergej Skripal erneut im Fokus.

Tröpfchenweise Gift

Bereits Jahre zuvor hatte Russland im Zuge des Ukrainekonflikts die Wirkung von Falschinformationen als Mittel seiner Außenpolitik unter Beweis gestellt. Die Ursprünge derartiger Maßnahmen reichen weit zurück: Schon Alexander der Große setzte Spione ein, die in gegnerischen Gebieten Gerüchte und Nachrichten verbreiten sollten und »vergrub« Gegner in Krisenzeiten unter »Lawinen« von Falschmeldungen, um sie zu demoralisieren und Chaos zu stiften. Als außenpolitisches Konzept ist die Verbreitung bewusster Falschinformationen vor allem in den 1980er Jahren, insbesondere im Zusammenhang mit so genannten »aktiven Maßnahmen« der Sowjetunion in das öffentliche und wissenschaftliche Bewusstsein gerückt. Der Begriff »Aktive Maßnahmen« ist eine wörtliche Übersetzung des russischen Begriffs »aktivnyye meropriatia«, den der sowjetische Geheimdienst KGB verwendete, um eine Vielzahl von Maßnahmen zu bezeichnen, mit denen die Politik anderer Länder beeinflusst, das Vertrauen der Bevölkerung in deren Regierungen und Institutionen unterminiert,  die Beziehungen zwischen Staaten gestört und die Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen diskreditiert werden sollten. Sowjetische aktive Maßnahmen beinhalteten etwa die Gründung von Tarnorganisationen, den Betrieb von Radiosendern, Medienmanipulation, Desinformation und Fälschungen, sowie die Bestechung einflussreicher Personen, gingen aber auch darüber hinaus und reichten bis hin zu Morden und der Anstiftung von Aufständen.  Ladislav Bittman, ein zuvor mit Desinformationskampagnen beauftragter tschechischer Geheimdienstoffizier, der nach dem Prager Frühling 1968  zum Westen überwechselte, gab an, dass derartige Maßnahmen das Ziel gehabt hätten, »tröpfchenweise Gift« in die »internen Systeme« des Kontrahenten zu leiten, und zu hoffen, dass »Quantität zu Qualität« werde und der »Patient sterbe«. Ein besonders eindrückliches Beispiel für sowjetische „aktive Maßnahmen“ war eine Aktion im Vorfeld der Olympischen Spiele 1984. Aus Rache für den US-Boykott der Olympischen Spiele 1980 in der Sowjetunion fälschte der KGB vermeintliche Briefe des Ku Klux Klan. In den Briefen wurden Athleten aus afrikanischen Ländern mit dem Tode bedroht, sollten sie an den Veranstaltungen teilnehmen. Die Briefe wurden von Washington, D.C. aus an die jeweiligen Olympischen Komitees verschickt, wo sie sofort für Unruhe sorgten. Der Boykott der Spiele durch mehrere Nationen stand im Raum. Eine eigens zur Bekämpfung von „aktiven Maßnahmen“ eingerichtete Einheit in den USA, die „Active Measures Working Group“ (AMWG) erkannte die Briefe aufgrund von grammatikalischen Fehlern, die auf eine Übersetzung aus dem Russischen schließen ließen, als Fälschung und vermutete den KGB als Urheber. Sergei Motorin, ein Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Washington, der als FBI-Quelle tätig war, bestätigte die sowjetische Herkunft der Briefe gegenüber den Ermittlern. Um einerseits die Sicherheit der Motorins nicht zu gefährden und gleichzeitig den Boykott der Spiele durch afrikanische Staaten zu verhindern, wurden Maßnahmen zum Schutz dieser Quelle eingeleitet, bevor die "Active Measures Working Group" unter Berufung auf deren Informationen an die Öffentlichkeit treten konnte. Kein afrikanisches Land zog seine Athleten von der Teilnahme an den Spielen zurück. Sergei Motorin wurde später von einem Maulwurf in der CIA, Aldrich Ames, verraten und vom KGB exekutiert. Die USA waren im kalten Krieg zum Teil in der Lage, sowjetische Desinformationen aufzudecken und abzuwehren. Dies gelang, da die AMWG in der Lage war, einen guten Überblick über laufende sowjetische Aktivitäten zu wahren und diesen mit wissenschaftlichen Widerlegungen, dem Einsatz von Experten und guter Öffentlichkeitsarbeit zu begegnen. 

Aktive Maßnahmen heute

 Am 17. Juli 2014 stürzte eine mit 298 Menschen besetzte Passagiermaschine vom Typ Boeing 777 in umkämpften Gebieten, etwa 60 Kilometer westlich der russischen Grenze, in der Ostukraine ab. Schon früh wurde vermutet, dass das Flugzeug von einer Boden-Luft-Rakete getroffen und daraufhin abgestürzt sei. Noch am Tag des Absturzes begannen die Ukraine und prorussische Separatisten, sich gegenseitig die Schuld für den Absturz zu geben. Ein zwei Jahre nach dem Absturz im Auftrag der niederländischen Regierung von einer internationalen Kommission angefertigter Untersuchungsbericht kam zu dem Schluss, dass die Maschine von einer von prorussischen Separatisten bedienten, so genannten Buk-Rakete, die kurz zuvor aus Russland in die Ukraine gebracht worden war, abgeschossen worden sei. 

Nach dem Absturz von Flug MH17 begann eine Welle von Falschinformationen über das Geschehen. Russia Today verbreitete Verschwörungstheorien: etwa die, dass ukrainische Einheiten die Maschine in der Absicht, Vladimir Putin zu töten, abgeschossen hätten, oder dass ukrainische Buk-Raketensysteme in der Region stationiert seien. 

Die Theorie, dass ein ukrainischer Kampfjet, namentlich eine Sukhoi Su-25, genannt Frogfoot, die Malaysische Boeing 777 abgeschossen habe, wurde in russischen Medien weit verbreitet, unter anderem von RT, der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti und Pravda.ru. Eine Su-25, eingesetzt hauptsächlich gegen Bodenziele, erreicht eine maximale Flughöhe von bis zu 23.000 Fuß. Flug MH17 befand sich zum Zeitpunkt des Abschusses jedoch auf einer Reisehöhe von 33.000 Fuß. Nachdem russische Medien eine Su-25 als möglichen Verursacher des Absturzes ins Gespräch gebracht hatten, editierte eine IP-Adresse aus Moskau den Wikipedia-Eintrag über das Kampfflugzeug und veränderte die dort genannte maximale Flughöhe um 10.000 Fuß. Die Veränderung ist noch immer archiviert und einsehbar. Die offiziellen Angaben zur maximalen Flughöhe entsprechen den vor der Editierung des Wikipedia-Artikels angegebenen Daten. 

Noch am Tag des Absturzes zitierte Russia Today  einen angeblichen spanischen Staatsbürger, der behauptete, in der Ukraine als Flugsicherheitsmitarbeiter beschäftigt zu sein. Unter dem Namen »Carlos« hatte er auf Twitter behauptet, dass ukrainische Kampfjets dem malaysischen Flugzeug gefolgt seien, und dies auf seinem Radarbildschirm beobachtet zu haben. Mehrere russische Nachrichtenmedien griffen diese Behauptungen auf, unter anderem der staatliche TV-Sender Rossiya 24, der Kanal Zvedzda, der vom russischen Verteidigungsministerium betrieben wird, und Zeitungen wie die Komsomolskaya Pravda und die Rossiiskaya Gazeta. Einen Tag später meldete die spanische Botschaft in Kiew, dass bei besagtem Flughafen kein einziger spanischener Staatsbürger beschäftigt sei, und dort auch nie Spanier in irgendeiner anderen Position gearbeitet hätten.  Die Ermittlungen des internationalen Untersuchungskomitees zeigen, dass »auf den Radarbildern kein anderes Flugzeug zu sehen gewesen« ist.

In einem Interview mit dem Schauspieler Oliver Stone erwähnt Wladimir Putin dennoch unbeirrt den vermeintlichen Flugsicherheitsmitarbeiter als Beispiel für Zweifel an der Schuld pro-russischer Separatisten für den Abschuss des Passagierflugzeugs.Auf Twitter verbreiteten derweil pro-russische Accounts mit hunderttausenden Followern Verschwörungstheorien, die wiederum von traditionellen Nachrichtenseiten aufgegriffen wurden: Konstantin Rykov, der laut dem britischen Guardian eine Social-Media-Berühmtheit mit über 200.000 Followern auf Twitter ist, hatte beispielsweise geschrieben, dass MH17 über 300 Kilometer von ihrem Kurs abgekommen und deshalb beschossen worden sei, eine Behauptung, die vom russischen Fernsehsender Rossiya 24 aufgegriffen wurde. Igor Strelkov, Anführer der separatistischen Rebellen in der Ostukraine und Betreiber eines Accounts auf »VKontakte« mit 144.000 Followern, behauptete, dass die im Bereich der Absturzstelle geborgenen Leichen bereits vor dem Absturz getötet worden seien, eine Behauptung, die daraufhin vom staatlichen Fernsehsender »Rossya 24« aufgegriffen wurde. 

Warum verbreiten russische Medien keine konstante und einheitliche, sondern Dutzende, sich widersprechende Versionen über die Abschussursache? Peter Pomerantsev, ein britischer Journalist, der lange für russische Medien gearbeitet hat und heute ein Projekt über »Information War« für das das Center for European Policy Analysis leitet, erläutert in einem Aufsatz für Politico die der Verbreitung einer breiten Masse derartiger Theorien zugrundeliegende Informationsstrategie. Ihm zufolge sei nicht primär das Ziel, eine bestimmte Version der Ereignisse zu etablieren. Im Gegenteil zielten die Bemühungen vor allem darauf ab, Verwirrung zu stiften. Die Desinformationskampagnen sollen Konfusion streuen und das Gefühl erzeugen, dass es überhaupt keine »Wahrheit« gebe.

Russische Desinformationskampagnen im 21. Jahrhundert agieren in einem Umfeld, das ihre Verbreitung begünstigt. Forscher beobachten in ganz Europa ein geringes Vertrauen in die Medien. Im Rahmen einer im Auftrag des Bayrischen Rundfunks, des ZDF und des SWR durchgeführten Studie der SINUS Markforschung GmbH, bei der fast eine Millionen Jugendliche in Europa befragt wurden, wurde dieses Misstrauen deutlich: "In allen befragten Ländern herrscht großes Misstrauen gegenüber den eigenen Medien. Durchschnittlich sprechen ihnen nur 2 Prozent völliges Vertrauen aus, und auch nur 17 Prozent sagen, dass sie ihnen mehr oder weniger vertrauen. Dem stehen europaweit 39 Prozent gegenüber, die überhaupt kein Vertrauen in die Medienlandschaft aufbringen und 41 Prozent, die ihr zumindest skeptisch gegenüberstehen.“

Dieses Misstrauen ist im gesamteuropäischen Vergleich kaum von Alter, Geschlecht oder Bildungsstand abhängig. Es stellt sich die Frage, wie adäquate und zeitgemäße Antworten auf Desinformationskampagnen aussehen könnten, die die aktuelle Situation in all ihren Aspekten berücksichtigt. 

Gegenmaßnahmen

Im Zeitalter moderner Desinformationskampagnen ist der Ansatz, jede einzelne aufkommende Desinformation von öffentlicher Seite zu widerlegen, eine Sisyphusarbeit. Das Internetzeitalter eröffnet aber nicht nur Desinformationskampagnen, sondern auch ihrer Entgegnung neue Möglichkeiten. Dieselben Bedingungen, die es Russland ermöglichen, kostengünstig und effektiv Desinformationen zu verbreiten, ermöglichen auch die Publikation von Gegeninformationen. Das Recherchenetzwerk Bellingcat des britischen Bloggers Eliot Higgins veröffentlichte etwa einen auf öffentlich zugänglichen Informationen basierenden Report zur Absturzursache von Flug MH17. Hierzu wurden auf diversen Social-Media-Plattformen gepostete Fotos und Videos analysiert, die, unter anderem anhand von Lichtverhältnissen und Schattenwürfen sowie der Verwendung von Satellitenbildern von Google Maps bestimmten Orten und Zeitpunkten zugeordnet werden konnten. So konnten die Routen von Luftabwehrraketen des Typs Buk in von pro-russischen Separatisten kontrollierten Gebieten nachvollzogen werden. Bellingcat stellt außerdem Informationen und Anleitungen zur Verfügung, anhand derer Internetnutzer selbst Fotos und Videos auf ihre Echtheit überprüfen können. Die Analyse überwältigender Mengen von Informationen auf ihre Echtheit wird so demokratisiert. Durch so genanntes Crowdsourcing, also der internet-basierten gemeinsamen Arbeit einer großen Gruppe zu einem Thema, kann auch auf vielfältige und sich schnell entwickelnde Desinformationen reagiert werden.

Derartige Maßnahmen können zwar vereinzelt wirksam sein, sind aber nicht in der Lage, den fruchtbaren Boden, der die Verbreitung von Desinformationen begünstigt, umzuformen. Erfolgreiche Propaganda funktioniert nicht im luftleeren Raum, sondern benötigt einen Resonanzraum, auf den sie einwirken kann. Häufig sprechen russische »aktive Maßnahmen« reale Ängste und Sorgen der jeweiligen Bevölkerungen an, und müssen sich auch nicht zwangsläufig Lügen bedienen, um effektiv zu sein: Das vom russischen Staat finanzierte Projekt »RT Ruptly« sendet zum Beispiel unkommentierte Live-Aufnahmen von Demonstrationen und Ausschreitungen aus der ganzen Welt, um den Eindruck globaler Instabilität zu befeuern. All dem ein demokratisches Gegennarrativ entgegenzuhalten ist richtig, aber ob das ausreicht ist mehr als fraglich. Derartige Desinformationskampagnen müssen zunächst als das begriffen werden, was sie sind: Ein Angriff auf liberale demokratische Gesellschaften und ihre Staaten. Der nächste Schritt ist, sich die Frage zu stellen: Sind wir bereit, für unsere Freiheit und Werte einzustehen und sie zu verteidigen?