#deletevero? Kritische Stimmen gegen den Hype

Schlechte Arbeitsbedingungen bei Saudi Oger

von Henning Flaskamp und Matthias Goedeking

Die Server des neuen sozialen Netzwerks vero waren in den vergangenen Tagen massiv überlastet, weil sich so viele neue NutzerInnen angemeldet haben. vero hatte angekündigt, dass die Plattform dauerhaft werbefrei bleiben werde und sich durch eine geringe Nutzungsgebühr finanzieren will. Die erste Million User soll allerdings einen lebenslangen Gratis-Account bekommen. Klingt erstmal interessant: Auch wir haben die App installiert, uns dort umgeschaut und bereits überlegt, ob und wie sich dieser Kanal für politische Kommunikation nutzen lässt.  Einige Berichte über die problematische Vergangenheit des Gründers, den  libanesischen Milliarden-Erben Ayman Hariri, haben uns aber aufhorchen lassen.

Werbung für Werte auf vero - ein Widerspruch?

Wenn ein Online-Angebot erfolgreich wird, gehört es mittlerweile zum Standardprozedere, dass die Netz-Community die AGB durchleuchtet und auf kritische Passagen, die zumeist den Datenschutz betreffen, hinweist. Das ist gut, damit alle potentiellen NutzerInnen ohne stundenlanges Studieren von Paragraphen wissen, unter welchen Bedingungen sie das Angebot nutzen können. Am Ende ist es ja immer Abwägungssache, ob man bereits ist, für einen Dienst mit seinen persönlichen Daten oder Geld zu zahlen. 

In der öffentlichen Kommunikation positioniert sich vero klar gegen Facebook, Instagram und andere Soziale Netzwerke und behauptet etwa, keine Algorithmen für die Zusammenstellung der Timeline einzurichten und auch langfristig keine Werbung schalten zu wollen. Dennoch verlangt die App nach dem ersten Start die Eingabe der eigenen Telefonnummer und den Zugriff auf das gesamte Telefonbuch der Nutzer. Die Behauptung, dass vero kein Data-Mining betreiben würde, scheint also zumindest zweifelhaft zu sein. Dass keine Algorithmen verwendet werden, um die Timeline zusammenzustellen, ist zumindest fragwürdig: Einerseits wird auch für die Zusammenstellung nach Zeitpunkt des Postings bereits ein Algorithmus verwendet, andererseits sind für die Zusammenstellung von beliebten Posts und Hashtags sowohl Data-Mining als auch entsprechende Algorithmen vonnöten.

Im Falle von vero wachsen die Bedenken jedoch vor allem je genauer man auf die Biografie seines Gründers blickt: Auf t3n konnte man lesen, dass Hariri “stellvertretender Geschäftsführer und stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Saudi Oger” war, “einer der größten Baufirmen in Saudi-Arabien, die 2016 vermehrt in Kritik geraten war, weil über Monate hinweg Löhne südasiatischer Mitarbeiter nicht gezahlt wurden”. Weitere Details dazu finden sich in einem Artikel auf Daily Beast: In über 31.000 Fällen gab es Beschwerden wegen nicht gezahlter Löhne bei Saudi Oger. In einigen Fällen musste die saudi-arabische Regierung die grundlegende Versorgung von ArbeiterInnen, die im Dienst des Unternehmens standen, übernehmen. Diese mussten in überfüllten Massenunterkünften schlafen und hatten keinen gesicherten Zugang zu Essen, Wasser und medizinischer Versorgung.

#deletevero: Gar nicht so einfach!

Will man aus diesen oder anderen Gründen seinen Account bei vero wieder löschen, stellt man fest, dass dieser Prozess alles andere als benutzerfreundlich gestaltet ist. In den Einstellungen findet sich keine Option, seinen Account zu deaktivieren, stattdessen müssen User über das Support-Menü die Löschung per Nachricht an die Entwickler “beantragen”. Tut man das, erhält man zunächst eine E-Mail, in der man erfährt, dass die Löschung des Accounts “überprüft” werde und wegen Überlastung mit verlängerten Wartezeiten gerechnet werden müsse. In unserem Selbstversuch ist unsere Anfrage nach mehreren Stunden noch immer nicht bearbeitet worden.

Es gibt also Gründe, dem Hype um vero mit einer gesunden Portion Skepsis zu begegnen. Wir werden beobachten, wie sich vero entwickelt und informieren euch gerne, wenn ihr mehr wissen wollt. Während Matthias noch auf die Löschung seines Accounts wartet, bleibt Henning angemeldet, um diesen Artikel auf vero posten zu können.